letzte Woche saß Miriam Meckel beim ARD Presseklub zum Thema "Die KI-Revolution: Was wird aus unseren Jobs?" und diskutierte mit Katrin Bennhold von der New York Times, Gregor Schmalzried vom ARD KI-Podcast und Patrick Bernau von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Frage, die gerade alle umtreibt: Ersetzt KI unsere Jobs? Die Debatte war erhellend. Und sie hat mich zu einem Gedanken geführt, der dort nur am Rand auftauchte.
Stell dir einen Weber in Lancashire vor, 1825. Die Dampfmaschinen kommen, die Löhne brechen ein, die Luddisten verbrennen Fabriken. Seine Kinder werden trotzdem Arbeit finden – als Eisenbahner, Drucker, Telegrafisten. In Berufen, die 1825 noch nicht existierten. Die Dampfmaschine hat nicht die Arbeit vernichtet. Sie hat sie umgebaut. Der Übergang hat eine Lebenszeit gedauert.
Das ist der Standardtrost der Wirtschaftsgeschichte, wenn die Frage kommt: Ersetzt KI unsere Jobs? Der Trost stimmt, historisch betrachtet. Menschen sind notorisch kreativ darin, neue Dinge zu erfinden, die andere Menschen dann produzieren oder ermöglichen wollen. Die Menge an Arbeit ist keine feste Größe. Der Weber von 1825 wurde nicht durch einen Job-Pool ersetzt, der sich aufgeteilt hat, sondern durch einen Job-Pool, der danach größer war.
Was der Trost verschweigt: Der Weber von 1825 hatte dreißig Jahre. Wir haben vielleicht drei.
Die Angst, die man dieser Tage spürt, ist keine kollektive Überreaktion. Sie hat konkrete Anhaltspunkte. Mehrere große Unternehmen haben in den letzten Jahren Stellen abgebaut und gleichzeitig werden Einstiegspositionen seltener nachbesetzt: Tätigkeiten, die früher Berufseinsteigenden den Weg geöffnet haben, übernehmen Systeme heute schneller und günstiger. Das passiert gerade, nicht irgendwann. Und genau deshalb ist jetzt der richtige Moment für die entscheidende Frage: nicht ob wir handeln müssen, sondern wie – und wer die Transformation aktiv gestaltet.
John Maynard Keynes beschrieb 1930, was er „technological unemployment" nannte: „We are being afflicted with a new disease of which some readers may not yet have heard the name, but of which they will hear a great deal in the years to come."
Er lag mit der Diagnose richtig. Mit der Prognose, dass wir bis 2030 nur noch fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten würden, lag er spektakulär daneben. Nicht weil die Technologie ausblieb, sondern weil der Mensch immer neue Formen von Wunsch, Bedeutung und Produktion erfand.
Die Frage, die Führungskräfte heute stellen müssten, ist nicht die falsche. Aber sie wird zu oft in der falschen Richtung gestellt. Nicht: Werden meine Mitarbeitenden ersetzt? Sondern: Schaffe ich die Bedingungen, unter denen sie KI kritisch, urteilsfähig und souverän einsetzen können? Die Radiologin verliert nicht ihren Job dadurch, dass KI Muster erkennt. Sie verliert ihn, wenn niemand dafür gesorgt hat, dass sie gelernt hat, wann sie dem Algorithmus vertrauen soll und wann nicht. Das ist keine Bedrohung, sondern eine Führungsaufgabe und gleichzeitig eine der größten Chancen, die Organisationen gerade haben: Menschen so zu befähigen, dass sie mit KI besser werden, nicht ersetzbar durch sie.
Technologische Transformation war immer ein Problem der Geschwindigkeit. Diesmal ist der Abstand zwischen dem Tempo der Technologie und dem Tempo menschlicher Adaption kleiner als je zuvor. Organisationen, die das ausschließlich mit KI-Einführungsprojekten beantworten, lösen das falsche Problem.